Von Soulfood und Leibspeisen

Wann wurden Leibspeisen zu Soulfood? Nichts, dass ich etwas gegen den Begriff "Soulfood" an sich hätte, aber mich interessiert der Zeitpunkt des Fokuswechsels vom Leib zur Seele. Denn "Leibspeise" ist ein herrlicher Begriff: "Speise" suggeriert Eleganz, man speist schließlich in einem Restaurant. Daheim gibt es höchstens Abend-Essen. Und "Leib" in Zeiten zu verwenden, wenn wir von dem Begriff"Body" nur so umgeben sind, ist fast schon der Gipfel des Nonkonformismus. Darum möchte ich heute avantgardistisch sein und über Leibspeisen schreiben.

Döner, Espresso und Schweinsbraten
Mein Leben ist voll von Leibspeisen. Ich persönlich unterscheide zwischen personen- und ortsbezogenen Herzensgerichten. Wann immer ich in Prag bin, wo ich vor beinahe zwanzig Jahren gelebt habe, muss ich utopencí und meine heißgeliebte česnečka haben. Erstgenannte kann man ein wenig mit fränkischen sauren Zipfeln vergleichen. Und der česnečka, der tschechischen Knoblauchsuppe, der ich fast magische Kräfte zugestehe, möchte ich ohnehin noch einen eigenen Blogeintrag widmen. In Berlin ist ein ganz bestimmter Döner am Nollendorfplatz Pflicht. Die Liste ließe sich noch um Pelmeni in Russland, einen Schinken-Käse-Toast mit Espresso am ersten italienischen Autogrill hinter der Grenze, einem Schweinsbraten mit Knödeln in einer ganz bestimmten Münchner Wirtschaft und vielen anderen Gerichten mehr erweitern. Bin da, brauch das - vielleicht ein Akt der Selbstverortung mit meinem kulinarischen Navi? Ein Glas Staropramen und ein Teller česnečka verstärkt mein Glücksgefühl auf jeden Fall, endlich wieder in Prag zu sein.

Negroni-Freunde 
Im Gegensatz zu anderen habe ich keine stimmungsbezogenen Leibspeisen und vielleicht ist das gut so. Denn die Welt könnte oft genug die emotionale Wärme von Griesbrei mit Zimt-Zucker vertragen. Aber dafür gibt es einige Menschen in meinem Leben, die bei mir fest mit einem bestimmten Getränk oder einer Spezialität verbunden sind. Ein guter Freund muss mir mindestens einmal im Jahr einen Negroni mixen und seit ich seinen kenne, mache ich in den Bars, in denen ich bin, einen großen Bogen um den Drink. Einen ehemaligen Arbeitskollegen und sein Sucuk vermisse ich heute noch jeden Mittwoch, weil er es genau an diesem Wochentag für seine Lieblingskollegen zubereitete und uns alle dabei noch blendend unterhielt. Zum Repertoire meiner Großmutter gehörten gleich eine ganze Reihe verschiedener Leibgerichte. Allein ein Teller ihrer Graupensuppe ist für mich nicht in Gold aufzuwiegen. Und schließlich wäre die Liste nicht komplett, wenn ich nicht die Top-Gerichte des Genussmenschen an meiner Seite aufführen würde.

Kulinarische Gold-Standards
Dass ich auch schon einen festen Platz in seinem kulinarischen Herzen habe, versteht sich von selbst. Meine Hugos stellen einige lokale Bar-Größen laut ihm in den Schatten. Und meine Kartoffelsuppe schmeckt nach seinen eigenen Aussagen sogar besser als die von Schwiegermutter. Tiramisu? Sorry, da hab ich dank ihm schon meinen Gold-Standard. Lasagne? Hat bisher noch nirgendwo besser geschmeckt als beim mir angetrauten Sterne-Hobbykoch.Und wenn es bei den Genussmenschen Bayrisch Creme gibt, trete ich den geordneten Rückzug aus der Küche an und überlass ihm das Feld.

"Klenze kocht" und die magische Bayerisch Creme
Kein Blogeintrag ist komplett ohne Rezept - klar. Aber bevor ich verrate, wie die magische Bayerisch Creme zubereitet wird, möchte ich noch kurz erzählen, wie das Rezept zu uns kam und was die Klenzeschule in München damit zu tun hat. Vor Jahren machte eine entfernte Verwandte zusammen mit einer anderen Gruppe Eltern von Grundschulkindern das Rezeptbuch "Klenze kocht", das die Vielfalt und Multikulturalität an der Schule kulinarisch abbilden sollte. Die Erlöse aus dem Verkauf sollten soviel ich weiß für irgendein Schulprojekt verwendet werden und so aktivierten alle ehrenamtlichen Kochbuch-Redakteure die gesamte Verwandtschaft für Rezeptbeiträge. Unter anderem meinen Onkel, den Großvater eines der Grundschulkinder, der sein Rezept für Bayerisch Creme beisteuerte. Und uns vorher jahrelang vertröstet hatte, als wir ihn um genau dieses Rezept gebeten hatten. Klar, ich hätte auch einfach bei Chefkoch recherchieren können, wie Bayerisch Creme hergestellt wird, aber für mich war die Bayerisch Creme meines Onkels bis dahin eine personenbezogene Leibspeise. Tja, die Magie ist jetzt auf den Genussmenschen an meiner Seite übergegangen. Und hier kommt endlich das Rezept für Bayerisch Creme


Zwei Blatt Gelatine in kaltem Wasser einweichen, 250 g Sahne steif schlagen, drei Eigelb mit 
70 g Zucker und dem Vanillemark von zwei Schoten in einer Schüssel mit dem Schneebesen schaumig schlagen, Gelatine ausdrücken und mit einem Esslöffel Kirschwasser und zwei Esslöffeln Wasser in einem kleinen Topf auflösen. 

Die aufgelöste Gelatine mit etwas geschlagener Sahne in die Ei-Masse rühren, die restliche Sahne unterheben, noch zwei Stunden in den Kühlschrank stellen und dann servieren. 



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