Küss mich!
Uváženi čtenaři, liebe Leserinnen und Leser,
ich will hier den ultimativen Trick verraten, wie ihr den Charakter eines Menschen beurteilen könnt. Ihr sucht Leute, die mit Euch durch dick und dünn gehen? Die Euch nicht bei der ersten Schwierigkeit im Stich lassen? Kocht ihnen etwas. Etwas bestimmtes. Etwas, für das ich schon seit langer Zeit leidenschaftlich brenne. Macht ihnen eine česnečka - eine Knoblauchsuppe. Wer danach das Weite sucht, um den war es nicht schad´. Und wer Euch danach sogar noch küsst, den solltet ihr unbedingt nicht mehr von der Angel lassen.
So viele Varianten wie Sterne am Himmel
Ihr kennt sicher die traditionellen Rezepte, auf die jede Nation stolz ist, die aber alle Köchinnen und Köche ein bisschen anders machen. Klar, dass ich hier bei #stehtimkochbuch total auf solche Rezepte abfahre. Ich hab mal in eine Gruppe Spanier unschuldig-naiv hineingefragt, wie ich denn Gazpacho, eine unheimlich leckere kalte Suppe, am authentischsten zubereiten soll. Meine Antworten erhielt ich laut, gleichzeitig, con mucho pasión und mit einem deutlich erweiterten Schimpfwörterwortschatz nach dem Gespräch. Ähnlich in Italien: "Wie meine nonna Bolognese-Sauce macht" gehört wahrscheinlich zum Nationalepos unserer Lieblings-Südländer. Und auch in Russland sind zumindest manche Gerichte offenbar fest in Frauenhand. "Komm mich besuchen, dann mache ich Dir Blini (oder je nach Situation auch Pelmeni)" ist meiner Erfahrung nach eine beliebte Einladung von Moskau bis Irkutsk. Solltet ihr jemals diese Einladung erhalten, nehmt sie unbedingt an. Es lohnt sich! Denn auch dort gibt es die Nationalgerichte in so vielen Varianten wie Sterne am Himmel.
Lost in Translation, edition Prag
In New York waren die Twin Towers gerade zum Einsturz gebracht worden, der Staub war noch nicht verflogen und das Zeitalter der vermeintlichen Terrorbekämpfung begann. Ich war zu der Zeit gerade nach Prag gezogen; eine Stadt, die einen als Tourist verzaubert, aber als Neu-Bürger erst einmal kurz verschreckt. Der Grund war die Landessprache, die zeitweilig komplett auf Vokale verzichtet, in Sachen Zischlauten nur vom Polnischen übertroffen wird und s-i-e-b-e-n Fälle für drei grammatikalische Geschlechter kennt. Als ich ankam, konnte ich nur gebackenen Camembert mit Pommes Frittes bestellen und musste mit einer Mischung aus Glück und Experimentierfreudigkeit im Supermarkt mein karges Studentenmahl zusammenkaufen. Aber aufzugeben war noch nie meine Stärke, deshalb habe ich mir mithilfe heimischer Speisekarten die Sprache erschlossen. Und jedes gute Menü beginnt mit einer Suppe, einer polevka. Dabei begegnete ich ihr.
Ode an die česnečka
Mein erstes Mal war sehr gefühlvoll. Ein lauer Abend, die Straßenlaternen spiegelten sich im Prager Kopfsteinpflaster und wir hatten eine kleine, heimelige Location gewählt. Die Menschen um uns herum ahnten wahrscheinlich von unseren Vorhaben, vielleicht hatte ich unbewusst eine gewisse Entschlossenheit ausgestrahlt. Und dann passierte es: Man brachte mir meine erste česnečka. "Klar, ich hab nichts gegen Knoblauch!" sagte ich nach meiner Bestellung zu unserer internationalen Expat-Truppe aus zig Nationen und hatte noch die in Westdeutschland haushaltsüblichen Mengen bei meinem Urteil im Kopf. Ich versuchte mir noch kurz česnek, das tschechische Wort für Knoblauch zu merken, als dann auf einmal ein wahres Gedicht meine Zunge berührte. Klare Rinderbrühe, typisch für Prag in einem ausgehöhlten Brotlaib serviert. Ein wenig Alibi-Suppengrün. Und dann Knoblauch, Knoblauch, Knoblauch. Von diesem Moment an war ich diesem wilden Wunderding, in das ich immer wieder gierig meinen Löffel tauchte, vollkommen verfallen. Und brauchte unbedingt das Rezept.
Medizin, Seelentröster, Menschenkenner
Wieviel Knoblauch kommt in eine typische Knoblauchsuppe? Schon die Antworten auf diese ersten Recherchefrage waren ulkig, denn man gab mir immer nur Mindestangaben. Und mir gefiel diese "also unter acht Zehen auf zwei Portionen brauchst Du nicht anfangen" Coolness. Weil der Wert immer variierte, habe ich dann selbst mal die Quersumme für mich als Wahrheit akzeptiert. "Petersilie - ja oder nein?" war der nächste Diskussionspunkt und meine Knoblauchsuppen-peer group ist sich bis heute nicht darüber einig. Den ausgehöhlten Brotlaib hab ich bald als Prager Spezialität erkannt, vielleicht ist er aber auch nur ein Touristengag. Ein wahres Nord-Süd-Gefälle zeigt sich bei der Verwendung von Mehlschwitze: Im Norden bleibt die Suppe klar, in Mähren und in der Slowakei ist die Mehlschwitze ein Muss. Alle Befragten sind sich einig, dass die Knoblauchsuppe wahre gesundheitliche Wunder vollbringen kann. Egal ob Erkältung oder Kater: Knoblauchsuppe heilt garantiert. Ich persönlich nutze sie auch als willkommenen Stimmungsaufheller. Und wusste nach einem Knoblauchsuppen-Exzess mit dem Genußmenschen an meiner Seite, dass er jemand ist, mit dem man alt werden kann. Das funktioniert übrigens auch in der platonischen Variante: Meine besten Freunde teilen auch meine Knoblauchsuppen-Passion.
Das Rezept
Hier erhaltet ihr eine denkbar einfache, puristische Variante meiner Forschungsergebnisse. Absolut tauglich, wenn man einen schweren Kater bekämpfen muss.
Mindestens 7 Knoblauchzehen schälen, in Streifen schneiden und in ordentlich Butter sanft anbraten. Achtung: Butter ist Pflicht, der Geschmack ist sonst längst nicht so gut. Dann nach Belieben mit einem halben bis einen dreiviertel Liter Brühe aufgießen und Suppengrün bzw. Petersilie zugeben. Kurz aufkochen und genießen.
doubrou chut´
ich will hier den ultimativen Trick verraten, wie ihr den Charakter eines Menschen beurteilen könnt. Ihr sucht Leute, die mit Euch durch dick und dünn gehen? Die Euch nicht bei der ersten Schwierigkeit im Stich lassen? Kocht ihnen etwas. Etwas bestimmtes. Etwas, für das ich schon seit langer Zeit leidenschaftlich brenne. Macht ihnen eine česnečka - eine Knoblauchsuppe. Wer danach das Weite sucht, um den war es nicht schad´. Und wer Euch danach sogar noch küsst, den solltet ihr unbedingt nicht mehr von der Angel lassen.
So viele Varianten wie Sterne am Himmel
Ihr kennt sicher die traditionellen Rezepte, auf die jede Nation stolz ist, die aber alle Köchinnen und Köche ein bisschen anders machen. Klar, dass ich hier bei #stehtimkochbuch total auf solche Rezepte abfahre. Ich hab mal in eine Gruppe Spanier unschuldig-naiv hineingefragt, wie ich denn Gazpacho, eine unheimlich leckere kalte Suppe, am authentischsten zubereiten soll. Meine Antworten erhielt ich laut, gleichzeitig, con mucho pasión und mit einem deutlich erweiterten Schimpfwörterwortschatz nach dem Gespräch. Ähnlich in Italien: "Wie meine nonna Bolognese-Sauce macht" gehört wahrscheinlich zum Nationalepos unserer Lieblings-Südländer. Und auch in Russland sind zumindest manche Gerichte offenbar fest in Frauenhand. "Komm mich besuchen, dann mache ich Dir Blini (oder je nach Situation auch Pelmeni)" ist meiner Erfahrung nach eine beliebte Einladung von Moskau bis Irkutsk. Solltet ihr jemals diese Einladung erhalten, nehmt sie unbedingt an. Es lohnt sich! Denn auch dort gibt es die Nationalgerichte in so vielen Varianten wie Sterne am Himmel.
Lost in Translation, edition Prag
In New York waren die Twin Towers gerade zum Einsturz gebracht worden, der Staub war noch nicht verflogen und das Zeitalter der vermeintlichen Terrorbekämpfung begann. Ich war zu der Zeit gerade nach Prag gezogen; eine Stadt, die einen als Tourist verzaubert, aber als Neu-Bürger erst einmal kurz verschreckt. Der Grund war die Landessprache, die zeitweilig komplett auf Vokale verzichtet, in Sachen Zischlauten nur vom Polnischen übertroffen wird und s-i-e-b-e-n Fälle für drei grammatikalische Geschlechter kennt. Als ich ankam, konnte ich nur gebackenen Camembert mit Pommes Frittes bestellen und musste mit einer Mischung aus Glück und Experimentierfreudigkeit im Supermarkt mein karges Studentenmahl zusammenkaufen. Aber aufzugeben war noch nie meine Stärke, deshalb habe ich mir mithilfe heimischer Speisekarten die Sprache erschlossen. Und jedes gute Menü beginnt mit einer Suppe, einer polevka. Dabei begegnete ich ihr.
Ode an die česnečka
Mein erstes Mal war sehr gefühlvoll. Ein lauer Abend, die Straßenlaternen spiegelten sich im Prager Kopfsteinpflaster und wir hatten eine kleine, heimelige Location gewählt. Die Menschen um uns herum ahnten wahrscheinlich von unseren Vorhaben, vielleicht hatte ich unbewusst eine gewisse Entschlossenheit ausgestrahlt. Und dann passierte es: Man brachte mir meine erste česnečka. "Klar, ich hab nichts gegen Knoblauch!" sagte ich nach meiner Bestellung zu unserer internationalen Expat-Truppe aus zig Nationen und hatte noch die in Westdeutschland haushaltsüblichen Mengen bei meinem Urteil im Kopf. Ich versuchte mir noch kurz česnek, das tschechische Wort für Knoblauch zu merken, als dann auf einmal ein wahres Gedicht meine Zunge berührte. Klare Rinderbrühe, typisch für Prag in einem ausgehöhlten Brotlaib serviert. Ein wenig Alibi-Suppengrün. Und dann Knoblauch, Knoblauch, Knoblauch. Von diesem Moment an war ich diesem wilden Wunderding, in das ich immer wieder gierig meinen Löffel tauchte, vollkommen verfallen. Und brauchte unbedingt das Rezept.
Medizin, Seelentröster, Menschenkenner
Wieviel Knoblauch kommt in eine typische Knoblauchsuppe? Schon die Antworten auf diese ersten Recherchefrage waren ulkig, denn man gab mir immer nur Mindestangaben. Und mir gefiel diese "also unter acht Zehen auf zwei Portionen brauchst Du nicht anfangen" Coolness. Weil der Wert immer variierte, habe ich dann selbst mal die Quersumme für mich als Wahrheit akzeptiert. "Petersilie - ja oder nein?" war der nächste Diskussionspunkt und meine Knoblauchsuppen-peer group ist sich bis heute nicht darüber einig. Den ausgehöhlten Brotlaib hab ich bald als Prager Spezialität erkannt, vielleicht ist er aber auch nur ein Touristengag. Ein wahres Nord-Süd-Gefälle zeigt sich bei der Verwendung von Mehlschwitze: Im Norden bleibt die Suppe klar, in Mähren und in der Slowakei ist die Mehlschwitze ein Muss. Alle Befragten sind sich einig, dass die Knoblauchsuppe wahre gesundheitliche Wunder vollbringen kann. Egal ob Erkältung oder Kater: Knoblauchsuppe heilt garantiert. Ich persönlich nutze sie auch als willkommenen Stimmungsaufheller. Und wusste nach einem Knoblauchsuppen-Exzess mit dem Genußmenschen an meiner Seite, dass er jemand ist, mit dem man alt werden kann. Das funktioniert übrigens auch in der platonischen Variante: Meine besten Freunde teilen auch meine Knoblauchsuppen-Passion.
Das Rezept
Hier erhaltet ihr eine denkbar einfache, puristische Variante meiner Forschungsergebnisse. Absolut tauglich, wenn man einen schweren Kater bekämpfen muss.
Mindestens 7 Knoblauchzehen schälen, in Streifen schneiden und in ordentlich Butter sanft anbraten. Achtung: Butter ist Pflicht, der Geschmack ist sonst längst nicht so gut. Dann nach Belieben mit einem halben bis einen dreiviertel Liter Brühe aufgießen und Suppengrün bzw. Petersilie zugeben. Kurz aufkochen und genießen.
doubrou chut´
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